Von Brachflächen, Hotels, Poesie und Housing First: 18 Jahre Stadtteilinitiative Münzviertel / 7 Jahre Werkhaus Münzviertel

Brache: Spaldingstraße (Flurstück: 1824, 1710) 31.3.20

Im Gegensatz zur Prosa huldigt die Poesie das Dazwischen. Die Prosa setzt auf die schwarzen Buchstaben und die Poesie auf die weißen Felder dazwischen. Poesie beschwört das Prozesshafte und die Prosa pocht auf Anfang und Ende. Eine poetische Stadt ist ständig in Bewegung. Was heute gilt, kann morgen bereits überholt sein. Es ist ein ständiges Wachsein im Hier und Jetzt ohne das Verdrängen von Historie und Zukunft.

Einladung zum 1. Quartierstreffen der Stadtteilinitiative Münzviertel 12.11.02

Das Münzviertel direkt im engen Gleisdreieck unterhalb des sozialen Brennpunkts Hauptbahnhof und überregionaler Kunstmeile gelegen befindet sich im sozialen und städtebaulichen Umbruch.

Baustelle „AzubiWerk“ (ehemaliges Schulgelände für Hörgeschädigte) Norderstraße 1.7.20

„Herz As“ Tagesstätte für obdachlose Menschen Norderstraße 21.4.20 https://hoffnungsorte-hamburg.de/die-hoffnungsorte/herz-as/

Diente das Viertel über Jahrzehnte hinweg als städtischer Hinterhof für all jene sozialen Zentraleinrichtungen, die man an anderen Orten der Stadt nicht haben wollte wie „hoffnungsorte hamburg“ für wohnungslose Menschen, „Drob Inn“ für drogenabhängige Menschen und „alsterdorf assistenz ost“ für Menschen mit Assistenzbedarf sowie zwischen 2011 bis 2016 für die jährlichen Winternotprogramme gegen den Erfrierungstod für obdachlose Menschen, so rücken aktuell in den letzten Jahren die städtischen Brachflächen in und um das Viertel herum in den renditesüchtigen Fokus des Immobilienmarkts. Fast im Stundentakt werden hier neue Hotels und Studentenwohnheime grobklotzig bis hinein in das Münzviertel gepresst.

4-Sterne-Hotel Spaldingstraße NORD PROJEKT Immobilien / NH Hotel Group Entwurf: Winking Froh Architekten BDA, Hamburg

Es gibt schlechte und gute Prosa und das gleiche gilt für die Poesie. Die monotonen Hotelneubauten um und im Münzviertel sind schlechte Prosa und die stetig von außen anwachsenden Touristenströme quer durch das Viertel sind schlechte Poesie.

Münzstraße 8.6.18

Gute Poesie entfaltet ihre schöpferische Kraft durch ein sinnliches Mit-Fühlen, Mit-Erleben, Mit-Träumen, Mit-Hoffen, Mit-Lachen, Mit-Leiden von innen nach außen. Es aktiviert das noch Ungesagte, eröffnet neue Denkweisen und verweigert sich dem Diktat von oben nach unten.

Münzplatz 4.10.19

Kunst und Soziales sind die inneren Kraftfelder des Gemeinwesen Münzviertel. Beide Felder sind tief verankert in den Kapillaren der 18jährigen Zeitgeschichte „Stadtteilinitiative Münzviertel“, ein nachbarschaftliches Netzwerk mit dem Ziel, eine identitätsstiftende Stadtteilumgestaltung im emanzipatorischen Dialog und partizipativer Praxis auf den Weg zu bringen.

Münzstraße 17.4.19

Das Feld der Kunst speist sich aus dem gesellschaftspolitischen Widerstreit zwischen elitärer Hochkultur des L‘art pour l’art und einer Kunst, die dort hingeht, wo die Menschen mit ihren Träumen, Empfindungen und Gestaltungskräften sind. Das Feld des Sozialen speist sich aus der übergroßen Anzahl von großstädtischen zentralen Sozialeinrichtung innerhalb des Quartiers. Auf engstem Raum zusammengerückt bedingen beide Felder einander. 

18. Straßenfest Münzviertel 24.6.19

Aus dieser solidarischen Zweckgemeinschaft gibt es kein Entrinnen. Die Kunst benötigt das Soziale im Kampf gegen die Yuppisierung des Viertels und das Soziale benötigt die Toleranz der Kunst als Schutzmacht gegenüber Vertreibung und Ausgrenzung („Es wird kalt….“: http://www.muenzviertel.de/blog/?p=3632 ). Mittendrin als bildhafte Identität stiftende Herzkammer des Münzviertels das seit 7 Jahren aus den Aktivitäten der Stadtteilinitiative Münzviertel heraus entwickelte und betriebene „Werkhaus Münzviertel zur Verschränkung von Pädagogik, Kunst und Quartiersarbeit“: www.werkhaus-muenzviertel.de

Werkhaus Münzviertel im Münzgarten 17.2.20

Das fortwährende excessive Näherrücken der Hotelneubauten ist zersetzendes Gift für das über Jahrzehnte gewachsene soziale Miteinander im Viertel.

„Hotel Rosenallee“ Ecke Spaldingstraße/Rosenallee
Entwurf: kontor B3

Deshalb fordert die Stadtteilinitiative als Gegenmittel mit allem Nachdruck: „Kein Verkauf der letzten städtischen Brachflächen für ausgewiesenen Wohnungsbau im Münzviertel: „Ecke Norderstraße/Schultzweg“ (Flurstück: 1824, 1710) an externe Investoren! 

„Ecke Norderstraße/Schultzweg (Flurstück: 1824, 1710)“
(C) allgemein zulässig für Wohnungen

Stattdessen Verkauf der Grundstücksflächen in Erbpacht an nachbarschaftlichen Wohn-Genossenschaften, die der sozialer Infrastruktur im Viertel Rechnung trägt wie z.B.: Wohnungen für jungerwachsene obdachlose Menschen nach dem „Housing First“ Prinzip.* s.: hierzu: „Für verträgliche Nachbarschaften – keine weitere Hotelentwicklung auf städtischen Flächen im Münzviertel (Antrag der SPD- und GRÜNE-Fraktion)“:

„Der Hauptausschuss stimmt dem Antrag mehrheitlich – gegen die Stimmen der CDU-Fraktion – zu.“ aus: Hauptausschuss HH-Mitte: 5 2.19: https://sitzungsdienst-hamburg-mitte.hamburg.de/bi/to020.asp?TOLFDNR=1020911

Stadtteilinitiative Münzviertel
c/o Günter Westphal

* „… Das Bündnis Stadtherz wird den Prozess zur Umsetzung von Housing First in Hamburg weiterhin – vor und nach der Bürgerschaftswahl am 23.02.2020 – begleiten, wie z.B. bei der konkreten Umsetzung unserer Forderung nach der Bereitstellung von Wohnungen für Housing First bei der Neubebauung des ehemaligen City-Hofs und der städtischen Brachfläche Ecke Norderstraße/Schultzweg im Münzviertel“. aus: http://wordpress.buendnisstadtherz.org/wahlbefragung-housing-first-in-hamburg/