Heimatkunde Münzviertel / Ein poetischer Aufriss / Galerie Renate Kammer 14.7.16

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Heimatkunde Münzviertel

Die Geschichte muss sichtbar sein, um nutzbar zu werden

War der Patriot und Lyriker
Barthold Hinrich Brockes 1724 ungezogen?
Und was hat das mit dem Münzviertel zu tun?

Ein poetischer Aufriss

Seit 14 Jahren bewege ich mich künstlerisch forschend im Münzviertel. Meine erste Frage war: Warum heißt das kleine Straßenstück mitten im Herzen das Viertels „Rosenallee“? Dabei stieß ich schnell auf den Barockgarten von Barthold Hinrich Brockes (1680-1747) der sich oben vom Geesthang am Besenbinderhof bis hinunter an den Rand des Hammerbrooks (heutiger Münzplatz) erstreckte und stieß dann weiter auf die Patriotische Gesellschaft v.1724 bzw. der Redaktionsgemeinschaft „Der Patriot“ deren Mitglied Barthold Hinrich Brockes war. (s: „Geschichte Münzviertel„)

Die Mitglieder der Redaktionsgemeinschaft waren geprägt von den geistigen und moralischen Umbrüchen der Frühaufklärung (1680 bis 1730). Es war die Zeit des Übergangs von der alten noch dem Mittelalter verhafteten metaphysischen Welterfahrung hin zum neuen rational-naturwissenschaftlichen Weltbild. „Der Patriot“ erschien 1724 – 1726 als anonyme wöchentliche Zeitschrift, die sich öffentlich querstellte zu der damaligen Hamburgischen Staatskirche, welche sich als die wahre Verfechterin der „reinen Lehre“ der lutherischen Orthodoxie verstand und realpolitisch als Wächter über die Moral und Ordnung der Stadt agierte.

Im Gegensatz zu dem lutherischen Dogma einer hierarchischen Ordnung von „oben nach unten“ an deren Spitze der alttestamentarische zornige Gott stand, wollten die Patrioten mit ihrer „Moralischen Wochenschrift“ ihren „Mitbürgern Hilfestellungen leisten bei einer selbstverantwortlichen Lebensführung, bei der Entwicklung geistiger und moralischer Fähigkeiten, bei der Bildung einer eigenen Meinung unabhängig von traditionell institutionalisierten Autoritäten, um jeden zu befähigen, auch wiederum Verantwortung für andere und für das Gemeinwesen zu übernehmen“ (aus: „Hamburg zu Lust und Nutz, Bürgerliches Musikverständnis zwischen Barock und Aufklärung  (1660-1760) Hamburg 1997)

Der Patriot I

„Ich bin ein Mensch, der zwar in Ober=Sachsen gebohren, und in Hamburg erzogen worden, der aber die ganze Welt als sein Vaterland, ja als eine einzige Stadt, und sich selber als ein Verwandter oder Mit=Bürger aller anderen Menschen ansiehet. Es hindert mich weder Stand, noch Geschlecht, noch Alter, dass ich nicht jedermann für meinesgleichen, und, ohne den geringsten Unterschied, für meinen Freund halte“ (aus: „Der Patriot“, 1. Stück, 5 Januar 1724)

Gegen einen solchen emanzipatorischen Anspruch, der die praktische Vernunft als moralische Autorität dem christlichen Glauben an die Seite stellt, lief die Hamburgische Staatskirche Sturm und brandmarkte die Autoren des „Patrioten“ als Nestbeschmutzer und Verbreiter von ketzerischen Ideen. Neudeutsch gesprochen: die Patrioten waren ungezogen.

300 Jahre später brandmarkt der Pressesprecher der Hamburgischen Finanzbehörde die gemeinwesenorientierten Stadtteilaktivitäten der Stadtteilinitiative Münzviertel rund um das ehemalige Schulgelände im Dreieck: Schultzweg, Norderstraße und Münzstraße als: „einfach schlecht erzogen“ (aus: „Krawall am Zaun“ taz. 1./2.8.2015: http://www.taz.de/!5216511/ ). Im Mittelpunkt dieser Aktivitäten steht unter dem Motto

Stadtplaung von unten

die Neubebauung des ehemaligen Schulgeländes (s. „David und die Finanzbehörde“ http://www.muenzviertel.de/blog/?p=3135.

Zwar gibt es nach 300 Jahren keinen zornigen Gott mehr, doch an Stelle des damaligen lutherischen Dogmas wird nun von den politischen Eliten der Stadt das neoliberale Dogma einer reinen profitorientierten Wirtschaftsordnung hofiert zum Nutzen einiger weniger (s. „Polizeieinsatz“ http://www.muenzviertel.de/blog/?p=2953 ) und auf der Strecke bleibt weiterhin das Postulat der Patrioten: „Es hindert mich weder Stand, noch Geschlecht, noch Alter, dass ich nicht jedermann für meinesgleichen, und, ohne den geringsten Unterschied, für meinen Freund halte“ Wir bleiben ungezogen

Günter Westphal 3.6.16 

s.weiter: Warum diese Heuchelei? http://www.muenzviertel.de/blog/?p=3144

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