
Luftbild 1921
Doch zurück zum Münzviertel. Auf dem historischen Bild (1925-30) oben erkennen wir leicht die städtebauliche enge Verzahnung zwischen links der Marktmeile und rechts dem Münzviertel. Beide bedingten einander. Die Marktmeile sorgte für Arbeitsplätze und das Münzviertel sorgte für Lageraum, Speditionsgewerbe und Wohnraum. Heute hat der großstädtische Markt die Meile verlassen und beherbergt die Kunstmeile, und die Arbeiter und Speditionen haben das Münzviertel ebenfalls verlassen. Übrig geblieben sind leere Gewerbe- und Büroräume und in den großen Altbauwohnungen leben und arbeiten heute viele Studenten in Wohngemeinschaften unterschiedlichster Fakultäten mit einem hohen Anteil an bildenden Kunststudenten und artverwandten Disziplinen.

„Bin kurz weg…", Autor: anonym
Angelockt werden die Studenten von der unmittelbaren Nachbarschaft der Kunstmeile und so schließt sich der Kreis der historisch engen gewachsenen Verzahnung zwischen der jetzigen Kunstmeile und dem heutigen Münzviertel. Eine fruchtbare Nachbarschaft auf Gegenseitigkeit. Für das um eine neue Identitätsfindung ringende Münzviertel mit seiner übergewichtigen sozialen Randständigkeit ein heilsamer Kräfteimpuls und für die vom alltäglichen Leben abgeschnittene Kunstmeile ein steter frischer Energiequell. Eine professionelle Stadtplanung, die dieses innovative Potential der Verzahnung weder erkennt oder sogar verneint, verdient nicht, progressiv genannt zu werden.
Günter Westphal
Aus: Beilage "Münzviertel" der Stadtteilzeitung "Der lachender Drache" (HH-St. Georg), 5/2006
