Münzviertel

Blume

Die Jugendwerkstatt Rosenallee vor dem Aus?
Doch es gibt keinen Grund zum Resignieren.



Bereits vor einem Jahr stand die Existenz der Jugendwerkstatt in der ehemaligen Volksschule in der Rosenallee auf Messerschneide. Doch diesmal rasselt es mächtig im Karton.  Es wird tatsächlich ernst. Ab 1. August hat die Bundesagentur für Arbeit bundesweit und gezielt ihre finanzielle Förderung für die Reha-Jugendlichen eingestellt. Alles Argumentieren,  Reformieren und Einsparen von Seiten der Betroffenen sind Mühen von gestern.  Eine über 25 Jahre erfolgreich pädagogische Arbeit zählt nicht mehr. Aus und Vorbei. Was zählt sind Billigangebote und Massenlösungen. Wer hier nicht mithalten kann und auf Individualität und Menschlichkeit setzt, wird gnadenlos ausgezählt.

Mit der Losung “Feuer und Flamme für die Jugendwerkstatt Rosenallee” übten  wir vor einem Jahr solidarischen Beistand mit unserem bedrängten Quartiersnachbarn und verhalfen somit der Werkstatt erfolgreich zu kommunalpolitischer Unterstützung. Ein solches  Bemühen gilt selbstverständlich auch heute, doch wir befürchten, dieses wird diesmal nicht reichen. Es ist bereits 5 Minuten nach 12. Was wir jetzt benötigen ist der Wille aller Beteiligten gemeinsam,  mutig und kreativ, nach alternativen Lösungen zu suchen. 

Unser erstes Quartierstreffen Ende 2002 fand in dem über 120 alten Schulgebäude der Jugendwerkstatt statt und wir fühlten uns sofort heimisch. Zurückerinnert an unsere eigene Schulzeit und gleichzeitig mittendrin in der Jetztzeit der heutigen Nutzer mit all ihren Wünschen und Hoffnungen erfuhren wir, im eigenen Diskurs des Zukünftigen verstrickt: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zugleich. Es gibt kein Entrinnen aus der Geschichte. 

In der unmittelbaren Nähe der Schnittmenge zwischen “Kunstmeile” und “Hauptbahnhof”  befindet sich das Quartier im sozialen und städtebaulichen Umbruch. Ohne öffentlichen Diskurs wurden hier quasi über Nacht von den Verantwortlichen der Stadt, ohne auf die soziale Ausgewogenheit innerhalb des Quartiers und dessen Toleranz gegen über dem Fremden zu achten, alle jene sozialen Einrichtungen wie z.B. “Drob Inn”, “Herz As” u.a. untergebracht, die man oberhalb der Gleise zwischen Kunst- und Deichtorhalle nicht haben wollte.  Das offene und nachbarschaftliche Netz innerhalb des Quartiers wird unweigerlich zerreißen, wenn dieses wiederum durch plumpes und machtorientiertes Auftreten politisch Verantwortlicher überstrapaziert wird. Und die drohende Schließung der Jugendwerkstatt wäre ein solcher Akt.

Stattdessen fordern wir unter dem Motto:  ”Am Tage Unterricht für die Jugendlichen und am Abend Werkstatt für die Kunst” den gesicherten Fortbestand der Werkstatt und verschaffen zugleich dem Quartier mit dieser Benennung von Kunst eine weitere dringend notwendige inhaltliche Identität gegenüber dem jetzigen Übergewicht von sozialer Randständigkeit. Sicherlich etwas verwegen und kühn, Kunst und Soziales gemeinsam zu denken, doch die Lage ist zu ernst, um weiterhin alte Vorurteile zu pflegen. Zumal sich, angesichts des hier innerhalb des Quartiers bereits über Jahrzehnte hinweg fast 100 % bestehenden Gewerberaumleerstandes, die gängige Optionen auf  Büro- und Gewerbenutzung als pure Lachnummer erweist.

Anfang November findet, wie in jedem Jahr dir achte “Tag der Kunstmeile” statt. Im solidarischen Beistand für ihren in Bedrängnis geratenen Nachbarn unterhalb der Gleise, an dessen Ursachen des Übergewichts von sozialer Randständigen sie nicht ganz unbeteiligt sind, erbitten wir die Institutionen der “Kunstmeile” während ihres diesjährigen “Tag der Kunstmeile” durch eine Ausstellungsleihgabe eines ihrer Kunstwerke o. ä. innerhalb der Jugendwerkstatt symbolisch die Patenschaft für jeweils einer der Werkstatträume zu übernehmen.

Eine solche nachbarschaftliche Geste beförderte viele Gewinner: Die Jugendwerkstatt erhielte die Möglichkeit, sich einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren, das Quartier bekäme im kreativen Spannungsverhältnis von Kunst und Soziales eine neue Qualität und die “Kunstmeile” befände sich urplötzlich mittendrin im alltäglichem Leben. Also es rechnet sich für alle. Wir bleiben dran.

Mit solidarischem Gruß an die Jugendwerkstatt Rosenallee.
Günter Westphal für die Stadtteilinitiative Quartiertreffen Münzplatz 

Aus: Beilage "Münzviertel" der Stadtteilzeitung "Der lachende Drache" (HH-St. Georg), 9/2004