Wir malen keine Bilder. Wir machen Stadtgestaltung „von unten“ oder: „Die Kunst ist das Erste“ Stadtteilinitiative Münzviertel

Münzviertel: ehemalige Westerstraße 2020

Wir befinden uns im Jahre 2021 n. Chr. Ganz Hamburg ist besetzt von seelenlosen Rechtecken, Quadraten, Dreiecken, glatten Beton- und Glasfassaden….

Ganz Hamburg? Nein!

Schultzweg 2015

Ein von unbeugsamen Hamburger*innen bevölkertes Dorf Münzviertel mittendrin in der Stadt hört nicht auf, den Besetzern Widerstand zu leisten. Seit 19 Jahren verteidigen und hegen die Tapferen mit beseelter Empathie und sozialer Poesie Lücken, Nischen und Unfertiges gegen die fortwährenden Angriffe selbstsüchtigerPolitikheinis, buckelnde Schreibtischpupser und hartherzige Geldfuzzis zur kaltschnäuzigen Übernahme des Dorfes.

Hey, cool! Wäre ein lässiger Einstieg mit dem kleinen Gallischen Dorf gewesen, aber die Realität duldet keine Prosa und widerspenstige Gallier schon gar nicht. Also nochmal von vorn:

Münzplatz 2020

Das Münzviertel liegt oben im westlichen Zipfel des Hamburger Stadtteil Hammerbrook. Eingekeilt zwischen breiten Verkehrs- und Bahntrassen in unmittelbarer Nachbarschaft zum sozialen Brennpunkt Hauptbahnhof und überregionaler Kunstmeile. 

Münzplatz 2004

Ohne uns vor Ort zu informieren, rückte 2002 das Viertel mit seinen Bau- und Brachflächen als Folge des 2. Weltkriegs in den Fokus der überregionalen Stadtentwicklung. Ziel war es, in den freien Lücken und Flächen für alle jene sozialen Zentraleinrichtungen Platz zu schaffen, die man aus Stadtsanierungsgründen an anderen Orten der Stadt nicht mehr haben wollte wie „hoffnungsorte hamburg“ für wohnungslose Menschen, „Drob Inn“ für drogenabhängige Menschen und „alsterdorf assistenz ost“ für Menschen mit Assistenzbedarf. Unsere Nachbarn von heute. 

Dieses undemokratische „von oben nach unten“ Diktieren war für uns Anlass 2002 die Stadtteilinitiative Münzviertel zu gründen. Ein nachbarschaftliches Netzwerk aus Kunst- und Städtebaustudent*innen, Student*innen der Sozialpädagogik und viele Münzviertler*innen mit fortschrittlichen Ideen für ein gemeinwesenorientiertes Miteinander.

18. Straßenfest Juli 2019   Foto: Georg Kühn: https://www.muenzviertel.de/sommer-sonne-ahoi-antifa-18-muenzviertel-strassenfest-22-juni-2019/

Es war und ist bis heute unser Einspruch gegen eine intransparente Stadtgestaltung wo die Politikmächtigen als „Gott-Vater“ auftreten (wir wissen was für Euch gut ist) und ist zugleich unsere Forderung (: wir wissen besser was für uns gut ist) nach einer partizipativen Mitgestaltung für alle Bewohner*innen, Gewerbetreibenden und den sozialen Einrichtungen des Viertels.

Viertelhaus“: Fabian Nischtkowski Münzplatz 2009 

Die inneren Kraftfelder des Gemeinwesen Münzviertel sind Kunst und Soziales. Beide Felder sind tief verankert in den Kapillaren der „Stadtteilinitiative Münzviertel“, ein nachbarschaftliches Netzwerk, mit dem Ziel, eine identitätsstiftende Stadtteilumgestaltung im emanzipatorischen Dialog und partizipativer Gestaltungspraxis auf den Weg zu bringen. 

Dabei speist sich das Feld der Kunst aus dem gesellschaftspolitischen Widerstreit zwischen elitärer Hochkultur des L‘art pour l’art und einer Kunst, die dort hingeht, wo die Menschen mit ihren Träumen, Empfindungen und Gestaltungskräften zu Hause sind. Und das Feld des Sozialen speist sich aus der großen Anzahl großstädtischer Sozialeinrichtung innerhalb des Quartiers. Auf engstem Raum zusammengerückt bedingen beide Felder einander.

Workshop: „Wir bauen eine neue Stadt“ Münzplatz 2004

Gegen das undemokratische „von oben nach unten“ Diktat der „Gott-Väter“ liefen wir fortwährend Sturm. 2008 versprachen diese Besserungen und erklärten das Münzviertel im Rahmen des „Rahmenprogramm Integrierte Stadtteilentwicklung (RISE) unter dem Leitthema: „Kunst und Soziales“ zum Fördergebiet mit den Schlüsselprojekten: „Neubebauung des Grundstück ehemalige Schule für Hörgeschädigte Schultzweg 9“ und dem „WERKHAUS MÜNZVIERTEL zur Verschränkung von Pädagogik, Kunst und Quartiersarbeit“. Wir spürten Morgenluft und ein zarter Hauch von partizipativer Mitgestaltung lag in der Luft.

Werkhaus 2018

Ende 2013 nahm das Werkhaus mit seinem niedrigschwelligen Angebot für wohnungslose Jungerwachsene sein Betrieb auf und spiegelt seitdem unser gemeinwesenorientiertes Selbstverständnis wider, welches getragen wird von Empathie, Solidarität und Toleranz: http://www.werkhaus-muenzviertel.de

Entwurf: „Soziokulturelles Zentrum“ Altes Schulgebäude Münzstraße 6   2014

Keine Erfolgsgeschichte dagegen ist die Neubebauung des ehemaligen Schulgeländes. 2011 erarbeiteten wir über mehrere Monate gemeinsam mit Student*innen der HCU die inhaltliche und architektonische Neubebauung des Schulgeländes. Dabei träumten wir von genossenschaftlichen Wohnprojekten, öffentlich geförderten Atelierwohnungen für Kunst- und Kulturschaffende, Wohnraum für obdachlose Jugendliche sowie Menschen im Asylverfahren.

Alles für die Katz! Leider hatte der verantwortliche Fachamtsleiter für Stadt- und Landschaftsplanung HH-Mitte vergessen uns mitzuteilen, dass es bereits einen Projektentwickler für die Bebauung gab und dieser hatte kein Interesse an Wohnprojekte, Ateliers, Wohnraum für obdachlose Jugendliche usw.

Norderstraße 2017

Unser Aufschrei: 2 Jahre Kollektives Zentrum („koZe“) in den Räumen der ehemaligen Kindertagesstätte Schule für Hörgeschädigte. Ein gesellschaftspolitischer Versuch, kollektive Stadtteilpolitik „von unten“ inmitten der Freien und Hansestadt lebendige Wirklichkeit werden zulassen. Doch dieses durfte nicht sein. Die Gott-Väter waren erzürnt. Jedoch in unseren Herzen lodert das „koZe“ weiter fort.*

Städtisches Grundstück (ehemaliges Hillgruber Gelände) Spaldingstraße 2020

Aktuell befindet sich das Münzviertel wiederum im sozialen und städtebaulichen Umbruch. Im Visier der Stadt steht der Verkauf ihres letzten Grundstücks (ehemaliges Hillgruber Gelände) im Viertel. Kurzerhand erklärte diese das Grundstück zum Wirtschaftsförderungsfall (s. St. Paulihaus **) zur Sicherung von Arbeitsplätzen für vorrangig Hamburger Unternehmen und verweigert uns, somit jegliche partizipative Mitsprache bei der Bebauung des Grundstücks. Auf der Strecke bleiben sollen dabei wiederum genossenschaftliche Wohnprojekte, öffentlich geförderte Atelierwohnungen für Kunst- und Kulturschaffende, Wohnraum für obdachlose Jugendliche sowie Menschen im Asylverfahren.

Münzplatz 2020

Doch wir lassen uns diesmal nicht sagen, welche Ansprüche und Wünsche wir nicht haben dürfen. Wir machen die Beteiligung jetzt selbst und werden unsere Vision für das Grundstück durch gemeinsame Workshops mit unseren Quartiernachbar*innen weiter fortentwickeln, öffentlich diskutieren und stadtpolitisch gegenüber mit den politischen Mandatsträger*innen der Stadt einfordern. Denn unsere Auffassung von partizipatorischen Beteiligung geht über das bloße Bemalen von Wänden hinaus. Wir machen Stadtgestaltung „von unten“.

Stadtteilinitiative Münzviertel

s. weiter: Stadtteilentwicklung von unten – Das Münzviertel plant selber!: https://www.muenzviertel.de/stadtteilentwicklung-von-unten-das-muenzviertel-plant-selber/

* https://black-mosquito.org/de/zwei-jahre-kollektives-zentrum-koze-im-munzviertel-versuch-einer-auswertung.html?fbclid=IwAR3eJbEeNoLoHhL-9Gnr5M64PTAOEzkbai5uyVrQtUGF9aSE_EeAM1NRfvc

** https://www.stpaulicodejetzt.de/?fbclid=IwAR2zicceBWGMghSf-pcK75MGeSXOR2hUnkQ_kdoy15d2k8ody3JNbtBQcqc