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„Auf Augenhöhe begegnen – Der Hamburger Künstler Günter Westphal hat mit dem Werkhaus einen Ort für junge Obdachlose geschaffen. Ein Gespräch über gallische Dörfer, ungebundene Zeit und sinnvolle Selbstfindung”: taz-Interview mit Friederike Gräff 3.1.24

“taz: Sie haben das Hamburger Münzviertel ein gallisches Dorf genannt. Was ist gallisch daran, Herr Westphal?

Foto: Miguel Ferraz

Günter Westphal: Wir sind dieser kleine Ort unterhalb des Hauptbahnhofes, der für eine partizipative Stadtentwicklung kämpft. Partizipation heißt für mich, gemeinwohlorientiert auf Augenhöhe mit allen Beteiligten zu planen und zu gestalten. Politiker*innen, Stadt­ent­wick­le­r*in­nen haben alle ein unterschiedliches Expertenwissen, wir haben eines über das nachbarschaftliche Miteinander – und das ist gleichberechtigt. Weiter: https://taz.de/Kuenstler-ueber-Aesthetik-als-empowerment/!5981019/

Einladung: Probe #11 / 10 Jahre Werkhaus Münzviertel / 5. Dezember 2023 ab 16:00 / Rosenallee 11 20097 Hamburg 

Liebe Nachbarinnen und Nachbarn,
liebe Freundinnen und Freunde des Münzviertels,

10 Jahre “WERKHAUS MÜNZVIERTEL zur Verschränkung von Pädagogik, Kunst & Quartiersarbeit” ist ein Grund mit euch zu feiern, mit einem bilanzierenden Blick zurück und einen hoffnungsvollen Blick nach vorn.

Beginnen werden wir ab 16:00 Uhr mit der Präsentation von Arbeiten der Künstlerinnen und Künstler der letzten 10 Jahre.

Um 16:30 Uhr eröffnen Tobias Filmar & Paulina Laskowski aus dem Werkhaus-Team die Feier und um 18:00 Uhr sprechen Rahel Puffert & Günter Westphal vom Küchenkabinett des Werkhauses.

Zwischendurch und danach spielen bis in den weiteren Abend hinein XDC:

Michel Chevalier (Bassklarinette, Klarinette)
Thomas Pfeuti (Schlagzeug, Ukulele)
special Guest Thorsten Hoppe (Geige)

Die künstlerische Raumproduktion Werkhaus Münzviertelwww.werkhaus-muenzviertel.de ist als Identität stiftendes Zeugnis tiefverankert in unsere über 20 Jahre gemeinwesenorientierten Stadtteilaktivitäten. “… Diese sind bis heute unser Einspruch gegen eine von »oben nach unten« diktierte Stadtgestaltung, wo die Politik- und Planungsmächtigen intransparent als »Gott-Vater« (wir wissen was für Euch gut ist) auftreten und somit die betroffenen Menschen vor Ort zur bloßen statistischen Größe degradieren. …

Münzstraße 2014

… Und sind zugleich bis heute unser Widerstand gegenüber der Objektivierung des Einzelnen durch andere und die Anforderung an uns selbst, die eigenen sinnlichen und geistigen Kräfte in der partizipativen Differenz zu den anderen zu stärken und zu aktivieren. …

Werkhaus Münzviertel

… Dabei schaffen wir unsere eigenen Bilder und setzen auf Empathie, Solidarität, Toleranz und Transparenz. Ein schöpferisches Gestalten von innen nach außen sowie ein emanzipatorisches Wirken von »unten nach oben«. …” *

Wir freuen uns auf euer Kommen!

Stadtteilinitiative Münzviertel

* aus: “heft #7“ Dokumentation Werkhaus Münzviertel 04/2019 – 02/2020, Seite 6: »Wir malen keine Bilder, wir generieren Stadtgestaltung von unten« oder »Die Kunst ist das Erste«:

https://www.werkhaus-muenzviertel.de/onewebmedia/heft_no_7_Ansicht.pdf

„Einmal Backstein, immer Backstein“ über die Geschichtsvergessenheit des Hamburger Senats

1938: Johanneswall / Deichtorplatz: Ein 68 Meter hohes Verwaltungshaus plus “Kraftverkehrshaus”, Entwurf für die Hamburger Hochbahn, 1938 © Archiv der Hamburger Hochbahn AG

„ … Entworfen worden war der Klinker- und Sandstein-Komplex von Rudolf Klophaus, gebaut werden sollte auf dem Gelände, auf dem später der City-Hof entstand. …. Das Verwaltungshaus wäre zu dem Zeitpunkt das höchste Haus Deutschlands geworden. Nur das von Hitler für Hamburg gewünschte und von Konstanty Gutschow geplante Gauhochhaus sollte noch höher werden. Der Hochbahn-Bau wurde noch 1938 begonnen, doch 1940 setzte der Krieg dem Großprojekt ein Ende. …“

aus: „Klophaus – kreativ, geschäftstüchtig, angepasst“ zeit-online Steffen Richter 15.9.15: https://www.zeit.de/hamburg/kultur/2015-09/klophaus-city-hof-bauplatz-hauptbahnhof

1958: Stunde null! Wir wollten einen Neuanfang!

1958:Johanneswall / Deichtorplatz : City-Hof erbaut Architekt: Rudolf Klophaus / Foto: Denkmalschutzamt Hamburg Bildarchiv//Jürgen Fischer

„… Die Stunde null ist der Begriff für den totalen Bruch mit der Vergangenheit. Und das galt nicht nur politisch oder kulturell, sondern auch für die Architektur. …

„Man wollte einen Neuanfang“, sagt Hamburgs Oberbaudirektor Jörn Walter. „Man wollte mit allem, was davor war im Dritten Reich nichts mehr zu tun haben.“ Die Architekten machten sich auf die Suche nach einer neuen und unverdorbenen Architektur. …

“Da haben viele ins Ausland geschaut und sich dort ihre Vorbilder geholt“, sagt Walter: Der helle Stein etwa stammt aus Dänemark und fand nicht nur bei den Grindelhochhäusern, sondern auch im Wohnungsbau der 50er-Jahre häufig Verwendung. Es war auch eine bewusste Absetzbewegung weg vom roten, schweren, dunklen Klinker, der Aufbruch in eine lichtere Zukunft. …”

aus: „Die zweite Zerstörung von Hamburg“ Matthias Iken Hamburger Abendblatt  26.3.16 https://www.abendblatt.de/hamburg/article207294469/Die-zweite-Zerstoerung-von-Hamburg.html

Der City-Hof: ein ferner Spiegel: “Wir schauen hinein, und indem wir die eigene Gegenwart in der Vergangenheit spiegeln, erkennen wir mehr, als wenn wir diese unmittelbar betrachten würden.”:

aus: (Herfried Münkler “Zwei schwierige Wörter, deutsch und Identität” Der Spiegel Nr.37 / 8.9.2018): https://magazin.spiegel.de/SP/2018/37/159310509/index.html?utm_source=spon&utm_campaign=centerpage

2013: Kein neuer Anfang mehr!

Bezirksversammlungswahl Frühjahr 2020

Dass der City-Hof verschwinden soll, ist für die SPD-Spitze spätestens am 30. April 2013 klar. Um 11.13 Uhr verschickt der damalige Finanzsenator Peter Tschentscher eine interne E-Mail, die keinen Zweifel daran lässt, dass ihm der Denkmalschutz bei diesen vier Hochhäusern am Hauptbahnhof ziemlich egal ist. …“:

aus:  Zurück in die Backsteinzeit“ Marc Widmann ZEIT Hamburg Nr. 36/2018, 30. August 2018: https://www.zeit.de/…/city-hof-hamburg-spd-neubau-weltkultu…

oder: „ …. Im Zuge der Akteneinsicht wurde zeitgleich bekannt, dass 2013 Finanzsenator Peter Tschentscher, seit 2018 Erster Bürgermeister Hamburgs, persönlich den City-Hof-Abriss trotz Denkmalschutz betrieben hatte – obwohl sich der Senat im gerade verabschiedeten Denkmalgesetz zum vorbildlichen Umgang mit den Denkmälern im öffentlichen Besitz verpflichtet hatte.[18] :

aus: https://de.wikipedia.org/wiki/City-Hof

2023: Johanneswall / Johann Kontor Foto: Marco Hosemann 

Vergessen!

Häftlinge arbeiten beim Tonabbau an den Tongruben. Fotograf unbekannt, 1943/44. (ANg, 1981-511)

„ … 1938 kaufte ein Tarnunternehmen der SS ein stillgelegtes Klinkerwerk in Neuengamme. Das Konzentrationslager entstand. Zwei Jahre später kam es zwischen Hamburg, dem Reich und der SS zum Vertragsabschluß über die jährliche Lieferung von 20 Millionen Steinen für die Neugestaltung. Geplant wurde bis ins Detail, selbst Hamburger Künstler wurden schon auf ihre kommenden Aufgaben vorbereitet. …“:

aus: „DAS NEUE HAMBURG“ Christian Bau/ Manfred Oppermann 1985: http://www.diethede.de/200-0-Inhalt.html

Erdarbeiten an der Dove Elbe Foto der SS, 1941/42. (NIOD 244F/92867) aus: KZ-Gedenkstätte Neuengamme: https://www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de  

Als britische Truppen im April 1945 das KZ Bergen-Belsen erreichen, stoßen sie auf Massengräber mit Hunderten Toten. © dpa – Bildarchiv

“Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte”:

aus: „Gauland: NS-Zeit nur ein “Vogelschiss in der Geschichte” zeit-online 2.6.18 Quelle dpa: https://www.zeit.de/news/2018-06/02/gauland-ns-zeit-nur-ein-vogelschiss-in-der-geschichte-180601-99-549766 aus:

„Wider die Backsteinwurst“https://www.muenzviertel.de/wider-die-backsteinwurst-oder-die-ns-zeit-nur-ein-vogelschiss-in-der-deutschen-geschichte/

Aktuell 1.11.23: Wahlumfrage zur Bürgerschaftswahl 2025: Hamburg: AFD 14,0%  2020: 5,3%:

aus: https://dawum.de/Hamburg/

Kunstarbeit im sozialen Raum / Ungebundene Zeit

„Blätter, so zart“ 

Münzstraße 2012

„… diese Bilder indizieren mehr: Sie sind Resultate eines Prozesses der genauen Untersuchung und langfristigen Beobachtung. Sie sind Zeugnis sensibler Annäherung an für nebensächlich gehaltene Details. Als solche enthalten diese Fotografien Zeit. Sie enthalten die Ausdauer und das Warten auf den richtigen Moment, in dem der jeweilige Gegenstand so ins Licht gerückt ist, dass er in seiner Besonderheit wahrnehmbar wird. …“ 

aus: Rahel Puffert „NUR DER SICHTBARE TEIL“ in „Günter Westphal / Blätter, so zart“
Galerie Renate Kammer, Hamburg, S.49. 2012

https://www.muenzviertel.de/06-12-2012-05-01-2013-foto-ausstellung-blaetter-so-zart-von-guenter-westphal/

„… Das Werkhaus mit seinem bisweilen einzigartigen Konzept schafft für alle Beteiligten eine wichtige Besonderheit: Einen stetigen Raum zeitlicher und inhaltlicher Freiheit.

In einer Atmosphäre, die zudem durch ein hohes Maß an Wertschätzung und einem respektvollen Umgang untereinander geprägt ist, bietet dieses immaterielle Gut »ungebundene Zeit« Gelegenheit, sich zu gewöhnen und dem Werkhaus anzuvertrauen. Gleichzeitig beinhaltet »ungebundene Zeit« einen kontinuierlichen Appell, der eher aus den Beteiligten selbst als von außen kommend wahrgenommen wird: Sie fordert uns dazu auf, das eigene (Nichts¬)Tun zu reflektieren und »ungebundene Zeit« sinnvoll zu nutzen und zu gestalten. …“

aus: Tobias Filmar  „Heft #3“ Werkhaus Münzviertel, Hamburg, S.5, 2016

Werkhaus Münzviertel

Das “WERKHAUS MÜNZVIERTEL zur Verschränkung von Pädagogik, Kunst und Quartiersarbeit” ist ein niedrigschwelliges Angebot für wohnungslose oder von Wohnungslosigkeit bedrohte Jungerwachsene bis zum Alter von 27 Jahren, auf die existierende Schulungs- und Sozialangebote nicht passen. Es ist zugleich ein Ort des Anhaltens und Ankommens für Jungerwachsene, die aus ihren Herkunftsländern geflohen sind und sich z.B. im Asylverfahren befinden.

Das Werkhaus basiert auf der Idee, dass Lernprozesse über Produktionsprozesse erfolgen, und orientiert sich an dem Konzept des Bauhauses: Parallelität von künstlerischer, handwerklicher Ausbildung in Kollektiven. Mit Respekt vor der Eigenheit des Einzelnen, dem Recht auf Mitbestimmung und der konsequenten künstlerischen Initiierung kollektiver Projektarbeiten werden (nicht nur) junge Erwachsenen aktiviert und motiviert, ihren Lebensweg möglichst selbstbestimmt zu gestalten.

https://werkhaus-muenzviertel.de

Anthropologischer Kunstbegriff

Kunstarbeit im sozialen Raum beinhaltet ein Arbeiten mit den Menschen in dessen Mitte der jeweils einzelne Mensch als soziales Wesen steht. Eine Sozialität, die sich im Geheimnis der unmittelbaren Wahrnehmung und sinnlichen Empfindungen (Aisthesis) der Menschen untereinander (Empathie) gründet. Denn im unmittelbaren entblößten Antlitz des Anderen – welches „uns verbietet zu töten“ (Emanuel Lévinas (1) – bin ich verantwortlich (Ethik) für meinen unmittelbaren Nächsten (Ästhetik (2)).

(1) „Das (unmittelbare entblößte) Antlitz ist exponiert, bedroht, als würde es uns zu einem Akt der Gewalt einladen. Zugleich ist das Antlitz das, was uns verbietet, zu töten.“ aus: Emmanuel Lévinas „Ethik und Unendlichkeit“ S.65, 1982

(2) „Ästhetische Akte dienen unmittelbar einem zumindest rudimentär ethischen Ziel: der Führung eines gelingenden Lebens“ aus: Wolfgang Welsch „Ästhet/hik / Ethische Implikationen und Konsequenzen der Ästhetik“ in „Ethik und Ästhetik“ S. 6, 1994

Repräsentativer Kunstbegriff

Altmannbrücke / Münzstraße 2022

Mit der Kunstarbeit im sozialen Raum begebe ich mich in gesellschaftspolitischer Abgrenzung zur elitären Hochkultur – des tradierten (3) „L´art pour l´art“ mit dessen institutionellen Ausstellungsräumen (4) und ökonomischen Prämissen – dorthin, wo die Menschen mit ihren Träumen, Empfindungen und Gestaltungskräften sind.

(3) „Der repräsentative Kunstbegriff unternimmt es, Tradition strukturell so identisch wie möglich fortzusetzen. Er reproduziert sich mit seinen eigenen Inhalten, z.B. der Genieästhetik oder der Ästhetik des Erhabenen. Dementsprechend kann sich dieser Kunstbegriff voll auf die Resonanzwirkungen des von ihm dominierten Feldes verlassen und seine eigene Fortsetzbarkeit durch theoretische und praktische Zirkularität gewährleisten, zu der insbesondere auch sogenannte »Innovationen« und »Grenzüberschreitungen« gehören.“

aus: Pierangelo Maset „Bewegungsabläufe nervöser Kunstbegriffe“ in Rollig, Stella/ Sturm, Eva (Hg.) „Dürfen die das?“ S.1, Wien 2001 

4) „Unter den Orten der Kunst nimmt der institutionelle Ausstellungsraum einen besonderen Stellenwert ein. Er ist der Ort, der seit dem 18. Jahrhundert dem einzigen Zweck der Kunst dient. Nach der Definition Brain O`Dohertys, der 1976  die „Ideologie des Galerieraumes“ enthüllte, die sich hinter der scheinbaren Neutralität des „White Cube“ verbirgt, hält die „ideale Galerie (…) vom Kunstwerk alle Hinweise fern, welche die Tatsache, daß es „Kunst“ ist, stören könnte.“

aus: Nina Möntmann „Kunst als sozialer Raum“ S.10,  Köln 2002

Münzstraße 2019 / 2012

Es sind die Blätter dicht
Und doch so dünn und zart,
Dass selbst das Licht
Durch ihr so angenehm gefärbte Gewebe bricht,
Sich mit den rötlichen gelinden Farben paart
Und, selber rot gefärbt, die innern Blätter färbet.

Barthold Hinrich Brockes* – aus „Die Rose“
„Irdisches Vergnügen in Gott“ 1721 – 1748

* “Heimatkunde Münzviertel / Ein poetischer Aufriss /“
Galerie Renate Kammer 14.7.16:

https://www.muenzviertel.de/heimatkunde-muenzviertel/